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Qualität, die man sonst nur von einem kolumbianischen Drogenbaron bekommt: Die neue Bühnenshow von Dominic Deville 

Bühnenberserker Dominic Deville vereint in «Off!» das Beste aus Fernsehen und Bühne. Eine freche, überraschende Show, die beweist: Wer einmal durch die harte Schule der Fernsehunterhaltung gegangen ist, kann daran reifen.

Sieben Jahre Leutschenbach und 153 Sendungen gehen nicht spurlos an einem vorüber. Haare ergrauen, fallen im dümmsten Fall aus. Und der anarchische Spirit, der droht in so einem bürokratischen Monster wie dem Fernsehen schnell an Schwung zu verlieren. Für ein Jahr am Leutschenbach, so witzelt Dominic Deville in seinem neuen Bühnenprogramm «Off!», gingen durchschnittlich sieben Lebensjahre drauf. Nur wisse ausserhalb des Fernsehens niemand, dass der 74-jährige Beni Thurnheer eigentlich erst um die dreissig sei.

Auch Deville, als Mitglied verschiedener Punkbands von Jugend an auf Krawall und Opposition gebürstet, ist heute grauer als noch vor über zehn Jahren. 2012 und 2015 eroberte er mit seinen Bühnenprogrammen «Kinderschreck» (2012) und «Bühnenschreck» (2015) als anarchischer Kindergärtner mit zerzaustem Haar die Kleinkunstbühnen der Schweiz. Es folgten sieben Jahre Fernsehen. Heute kümmert sich der Mann, der sich einst auf der Bühne mit einer Kettensäge zersägte, im physiotherapeutischen Fitnessclub um die Abnutzungsspuren seines intensiven Lebens, wie er in seiner neuen Bühnenshow verrät.

Mona-Vetsch-Kanal fürs Volk

Devilles kreativer Output, seine Bühnenenergie hat das Fernsehen jedoch nicht glattbügeln können. Mit «Gichthänden» – blutverkrusteten Zombiehandschuhen in Übergrösse – inszenierte er sich bei einer Vorpremiere in der Nidwaldner Gemeinde Stans am Samstagabend als SRF-Whistleblower, dessen Jokes über die Serafe-Gebühren am von der Halbierungsinitiative in Schockstarre versetzten Leutschenbach selbst schon Opfer von Zensur geworden seien. Er glaube zu wissen, warum Kurt Aeschbacher vom SRF in einem Keller festgehalten werde. «Aeschbi» habe in der SRF-Kantine einmal als Beilage «Rösti» verlangt. Die Haltung des Ex-Mitarbeiters Deville zur Halbierungsinitiative: «Sachen werden nicht besser, wenn man sie halbiert.» Verdoppelung sei die Lösung! Einen Mona-Vetsch-Kanal und einen Desinformationssender für Querdenker habe die Schweizer Bevölkerung verdient.

Mit einer klar linken Politagenda arbeitete sich Deville an der Erbmasse von Herr und Frau Schweizer ab und an den Zweitwohnungsbesitzern im Tessin. Die schliessen neuerdings auf einem Parkplatz der offenen Vermieterszene mit Touristen Deals ab, weil man die eigene Wohnung online nicht mehr als 90 Tage zur Vermietung ausschreiben darf. Und für den Tessin-Touristen mindestens so provozierenden 25 Meter langen Riss in der Decke des Gotthard-Tunnels hat Deville ein einfaches, unmoralisches Angebot: Gibt es nicht Leute, die gut sind im Tunnelbau? Einmal scharf nachdenken. Klar, die Hamas.

Gelungene Rammstein-Nummer

«Off!» entwickelt seinen Humor nicht nur durch die aus der abgesetzten Late-Night-Sendung «Deville» bekannten Schlagzeilen-Einspieler, sondern durch die überraschenden Schilderungen aus dem «Off»-side des eigenen Alltagslebens, die Deville zu grotesken Geschichten und Schrecknummern ausgebaut hat. Mit dem Publikum imitiert er die Melodien der verschiedenen europäischen Sirenen. Den «Warntag», das deutsche Äquivalent zum Schweizer Sirenentest, baut er zu einer skurrilen Rammstein-Nummer aus. Und er präsentiert in einer Ahnengalerie die vielen Hunde seiner Eltern («meine Eltern sind seit 50 Jahren verheiratet, sie trennen sich nur von ihren Hunden»). Aus der Reihe fällt die Katze, die sich aber als Hund gefühlt haben soll. «Nicht auszudenken, was passiert wäre, wäre sie ein Mensch gewesen», sinniert Deville und platziert einen gelungenen Joke über Non-Binarität von links.

Es scheint, als habe Deville, Sohn einer Autorennfahrerin und eines ehemaligen Stadtarchitekten, sich dazu entschlossen, sich neuerdings an die gesetzlich geltenden Geschwindigkeitsbegrenzungen im Bühnenbusiness zu halten. Weniger aufgedreht als früher, dafür umso fokussierter hat er den konzeptuell denkenden Architekten in sich gestärkt. Erstmals hat er eine Show von A bis Z niedergeschrieben, statt sie nur zu improvisieren. Mit Deville gesprochen: «Eine Linie Koks plus Deville ergeben 7 DJ Antoines.» Ein cleaner Deville ergibt eine Qualität, die man sonst nur von einem kolumbianischen Drogenbaron bekommt.

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21. März 2024 10:38 Uhr