Nicht aufhören, die Geschichte von Jesu Sterben und Auferstehen weiterzuerzählen

ZUR PERSON

Joël Guggisberg ist Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Zofingen und wohnt mit seiner Frau Deborah und seinem Sohn Avi im Pfarrhaus in Vordemwald.

Jedes Jahr erzähle ich Ihnen dieselbe Geschichte: Jesus von Nazareth wurde ausgepeitscht und zum Tod verurteilt. Sein Kreuz musste er selbst tragen. Die Menschen verspotteten ihn. Er hat sich selbst nicht geholfen und wurde ans Kreuz geschlagen. Die Römer haben das Los um seine Kleider geworfen. Er schrie laut auf, als er verstarb. Meine Relischüler hören zu und fragen nach.

Ich erinnere mich gut an die Zeiten, als wir als Familie an Karfreitag den Fernseher eingeschaltet haben. Welchen Sender wir auch gewählt haben, es kam immer irgendein Jesus-Film, den ganzen Tag über – so meine Erinnerung.

Die Bilder vom leidenden Jesus haben sich bei mir tief eingeprägt. Sie gaben mir die Möglichkeit, mich mit dem Sterben Jesu auseinanderzusetzen. Ich habe mich über die brutalen Römer empört, verurteilte die spottenden Menschen. Es hat mich fasziniert, wie sich dieser Jesus von der Welle der Gewalt nicht anstecken liess, wie er sich darin fügte. Ich konnte ansatzweise mitfühlen mit den Jüngern, die sich schämten, zu Jesus zu stehen und die Flucht ergriffen. Ich konnte mitfühlen mit Pilatus, der sich schwertat, eine Entscheidung zu fällen. Ja, und manchmal konnte ich auch mitfühlen mit dem Volk, bei dem die Emotionen hochkochten, sodass es nicht mehr wusste, was es tat.

Dieses Jahr heisst es bei srf nicht mitfühlen mit Jesus, sondern mitfliegen mit der Biene. In einer Serie zeigt das Schweizer Fernsehen an Karfreitag, wie das Ökosystem unserer Erde durch die menschlich verursachte Klimaveränderungen gefährdet ist. Im Film «More than Honey» wird erzählt, dass die Biene vom Aussterben bedroht ist. Das Bienensterben betrifft uns alle. Jeder und jede, ob Vegetarier, Veganer oder Fleischesser, ist von ihr abhängig. Stirbt die Biene aus, haben wir ein ernsthaftes Problem.

Und dann war diese Woche das Feuer in der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Da brennt doch tatsächlich ein Jahrtausendbauwerk ab. Die Bilder wirken surreal, machen betroffen. Was schon eine gefühlte Ewigkeit Bestand hatte und immer da war, ist nicht mehr. Zumindest nicht mehr so, wie man sie kannte. Pariser Tränen aufgrund des Flammeninfernos. Beileidsbekundungen aus aller Welt. Und da entbrennt plötzlich eine Debatte darüber, was uns als Gesellschaft zusammenhält. Es wird über Werte gesprochen, die unsere Kultur gebildet haben. Der Verlust wird versucht in Zahlen zu beziffern. Politiker profilieren sich mit voreiligen Versprechungen.

Wir scheinen den Wert von Dingen immer erst dann zu sehen, wenn sie nicht mehr da sind. Was für Tiere und Sachgüter gilt, gilt umso mehr für Menschen. Der Schmerz der Trauer geht tief und dauert lange.

Vor zirka 2000 Jahren starb dieser Jesus am Kreuz. Ein Mensch, in den Viele ihre Hoffnungen setzten. Ein Mensch, dem Gott wichtig war, der über Vergebung, Gerechtigkeit und Liebe sprach und dann Taten folgen liess.

Diese alte Geschichte wirkt nicht deshalb, weil wir sie zum ersten Mal hören. Sie wirkt, weil wir sie alljährlich zum Thema machen. Sie bildet einen wichtigen Teil an die Traditionen, auf die unsere Kirchen gegründet sind. Aus ihr kommen die Werte, die unser Zusammenleben seit Jahrhunderten geprägt haben. Auch wenn wir in deren Umsetzung nicht immer erfolgreich waren.

Die Biene nimmt im Ökosystem für uns Menschen eine Schlüsselrolle ein – vom Bienensterben hängt unser Leben ab. Jesus starb am Kreuz – seine Person nimmt für den Glauben von Millionen Menschen eine Schlüsselrolle ein – von ihm hängt ihr Leben ab. Ein römischer Hauptmann sagte über Jesu Tod, er sei Gottes Sohn gewesen. Daher glauben wir, dass sein Tod auch in einem weiteren Kontext zu sehen ist. Als ein Sterben für uns.

Anhand der Jesusfilme habe ich mir erstmals darüber Gedanken gemacht, was Jesu Sterben mit mir zu tun haben könnte. Ich habe mir offen die Frage nach Gott und nach Schuld gestellt, meine miteingeschlossen. Dabei habe ich bei Jesus die Werte des Mitgefühls und der Vergebung entdeckt. Sie sind Teil meines Glaubens geworden und geben mir ein tragendes Fundament.

Ich wünsche mir und Ihnen, dass wir nicht aufhören, die Geschichte von Jesu Sterben und Auferstehen weiterzuerzählen. Dass wir so dieses Stück Kulturgut beibehalten und pflegen. Aber auch, dass wir uns persönlich damit auseinandersetzen, mitdenken, mitfühlen, nachfragen. Ich wünsche uns, dass wir es als ein Sterben für uns erfassen und darin Werte fürs Leben entdecken können.

In diesem Sinne, frohe Ostern und Gottes Segen.