«Ich bin wegen der Corona-Krise am Ausfüllen einer Patientenerklärung»

Frau Bircher, eigentlich hätten Sie letzte Woche Session gehabt. Die wurde abgesagt. Was haben Sie gemacht?

Martina Bircher: Der Terminkalender war fast leer und ich hatte viel mehr Zeit für die Familie. Ich habe mit meinem anderthalbjährigen Sohn im Garten gespielt oder ging mit dem Hund spazieren.

Waren Sie für die Absage der Session?

Den Antrag von Thomas Aeschi zu Beginn hatte ich abgelehnt. Aber letzten Sonntag konnte ich die Absage nachvollziehen. Man muss nun aber eine Lösung fürs Parlament finden, sonst bleibt die Legislative ausgehebelt.

Das Tempo dieser Krise ist wahnsinnig. Wann realisierten Sie selbst zum ersten Mal richtig, wie dramatisch die Lage ist?

Als man aus dem Tessin die kritischen Meldungen erhielt. Das Tessin hat ja früher Massnahmen gefordert. Und so ein Virus macht ja nicht am Gotthard halt. Dann kam auch die Strategieänderung: weg von einer Identifizierung und Rückverfolgung aller Fälle. Da wurde klar, dass man die Sache nicht mehr im Griff hat.

Von der ersten Aufforderung zum Händewaschen bis zum dringenden Appell, zu Hause zu bleiben, vergingen drei Wochen. Wie beurteilen Sie derzeit das Krisenmanagement des Bundesrates?

Es ist eine ausserordentliche Situation. Ich will mich mit Kritik zurückhalten. Aber nach der Krise muss man über die Bücher und allfällige Fehler sauber analysieren.

Sie meinen etwa bei der Pandemievorsorge?

Bei der Vorbereitung und auch zu den aktuell getroffenen Entscheiden. Aber derzeit müssen wir alle Ressourcen einsetzen, um schnell aus der Krise zu kommen.

In den letzten Tagen wurde auch eine Ausgangssperre heftig diskutiert. Finden Sie es richtig, darauf zu verzichten?

Eine Ausgangssperre wäre ein massiver Einschnitt. Ich habe aber nicht die gleichen Informationen wie der Bundesrat. Man will ja rückwirkend auch anonymisierte Handydaten anschauen, um zu schauen, ob die Massnahmen gewirkt haben. Ich verstehe den Bundesrat, dass er hier zurückhaltend ist. Man muss auch nicht meinen, dass sich alle an eine Ausgangssperre halten würden.

Sie sind also zufrieden mit dem Bundesratsentscheid?

Ich finde ihn in Ordnung. Es gibt immer Leute, die sich nicht daran halten, ob alt oder jung. Es kann aber nicht sein, dass der ganze Rest unter den Konsequenzen leiden muss.

Sie sind Gemeinderätin von Aarburg. Wie ist die Stimmung in der Gemeinde?

Wohl nicht anders als in anderen Gemeinden. Wir mussten Anfang Woche noch Gewerbebetriebe auf die Massnahmen hinweisen. Und man hatte am Aare-Ufer junge Leute, die sich in Gruppen trafen. Oder am Samstag auf dem Sportplatz neben dem Schulhaus. Da handeln wir aber sofort und schicken die Leute nach Hause. Am Montag werden wir zudem im Gemeinderat besprechen, ob wir den öffentlichen Raum teilweise sperren müssen.

Wie beurteilen Sie das Verhalten der Leute?

Der grosse Teil hält sich an die Massnahmen. Aber bei den älteren Leuten sehe ich eine Problematik. Ich sehe diese mit fast leeren Einkaufstaschen. Sie kaufen nur zwei oder drei Sachen. Diese Menschen denken, man dürfe ja für den Einkauf aus dem Haus. Also gehen sie mehrmals am Tag einkaufen. Das ist aber sicher nicht der Sinn der Sache. Ich spreche diese Leute dann an und frage sie, ob sie keine Hilfe hätten. Oft zeigen sie aber keine Einsicht, sondern werden eher wütend. Ähnliche Erfahrungen macht man auch bei den Jungen abends draussen.

Es mangelt ja nicht an Angeboten für Nachbarschaftshilfe.

Das Hilfsangebot ist grösser als die Nachfrage. Für viele ältere Leute ist es nicht einfach, diese Hilfe anzunehmen. Sie haben 70 oder 80 Jahre alles selber gemacht. Sie fühlen sich schnell bevormundet. Das habe ich in meiner Arbeit auch vor der Krise schon erlebt, wenn es etwa um Beistandschaften ging.

Wie kann man die Leute überzeugen, Hilfe anzunehmen?

Man soll aufklären und informieren. Es ist aber illusorisch, dass alle Älteren die Hilfe annehmen. Es gibt Leute, die das nicht wollen. Es gibt 85-Jährige, die sagen, sie wollten sich nicht die letzten Monate oder Jahre einsperren lassen. Man kann die Leute nicht zwingen.

Damit kommt man zu einer anderen Diskussion. Die Betagten sind besonders von Corona betroffen und belegen viele Intensivbetten in den Spitälern. Mediziner empfehlen diesen Leuten dringend, eine Patientenverfügung auszufüllen und zu deklarieren, welche Behandlung man im Krankheitsfall überhaupt noch will.

Das sollte auch der Bundesrat viel aktiver kommunizieren. Wenn es wirklich zu Engpässen kommt, müssen die Ärzte eine Triage machen, müssen entscheiden, wer an das Beatmungsgerät kommt und wer allenfalls nicht. Darum müssen wir uns alle Gedanken machen, ob wir das überhaupt wollen. Wollen wir künstlich beatmet werden? Für den Arzt ist es ganz schlimm, wenn er den Willen des Patienten nicht kennt. Auch für Angehörige ist es sehr schlimm, wenn sie solche Entscheide fällen müssen.

Zur Eigenverantwortung gehört also auch, niederzuschreiben, welche Behandlung man im Spital letztlich will.

Genau. Das sollte man nicht nur im Krisenfall machen. Auch Junge können einen Autounfall haben. Man soll Verwandte und Ärzte entlasten.

Haben Sie eine Patientenverfügung?

Ich bin derzeit am Ausfüllen. Es sind viele Fragen, über die man gar nie nachdenkt.

Ganz praktisch: Wie findet man diese Verfügungen?

Man findet sie im Internet, zum Beispiel bei Pro Senectute, bei der Lungenliga oder bei Altersheimen. Für alle, die noch keine haben, ist es nun höchste Zeit, eine Patientenverfügung auszufüllen.

Wie beurteilen Sie das wirtschaftliche Hilfspaket des Bundesrates?

Es ist gut, hat man in kürzester Zeit so was geschnürt. Und wenn es irgendwo noch Gruppen gibt, die man vergessen hat, wird man nachziehen. So habe ich den Bundesrat verstanden. Das begrüsse ich sehr.

Und wie beurteilen Sie das Krisenmanagement im Aargauer Gesundheitswesen?

Grundsätzlich gut. Da wird man täglich über den aktuellen Stand informiert. Die Spitäler scheinen gerüstet. Ich finde auch die Führung von Regierungsrat Jean-Pierre Gallati gut, da er sehr offen kommuniziert. Man darf jetzt den Leuten sicher keinen Sand in die Augen streuen.