Experte mahnt zur Geduld: «Ein Impfstoff ist wohl erst ab Herbst 2021 zu erwarten»

Zurzeit gibt es über 100 Impfstoffkandidaten, die für den Schutz vor dem Coronavirus getestet werden. Dabei besteht die Hoffnung, dass die ersten Impfstoffe schon Ende Jahr bereit stehen. Diese Hoffnung wird zumindest von einzelnen Herstellern und Forschern befeuert.

Mehr als 70 Forscherteams liefern sich im Moment weltweit einen Wettlauf, um einen Impfstoff gegen das Coronavirus herzustellen. Einige wollen bereits bis Ende Jahr soweit sein. Normalerweise dauert das viel länger. Wieso geht es dieses Mal so schnell?

Giuseppe Pantaleo

Giuseppe Pantaleo © Pressedienst

Giuseppe Pantaleo: Es gibt viele Forscherteams und Firmen, die sagen, dass sie mit ihrem Impfstoff bis Ende Jahr bereit sind. Wir müssen aber unterscheiden: Es ist etwas anderes, ob ein Impfstoff fertig entwickelt ist oder er dann tatsächlich von den Gesundheitsbehörden zugelassen wird, damit er in grossem Massstab eingesetzt wird. Am weitesten fortgeschritten ist der Impfstoff des Jenner Instituts der Universität Oxford, der zusammen mit dem Pharmakonzern Astrazeneca entwickelt wird.

Wie viele der Impfstoffkandidaten werden ans Ziel kommen ?

Wir müssen realistisch bleiben. Es werden längst nicht alle Kandidaten soweit vorankommen, um klinisch getestet zu werden. Für das hätten sie auch gar nicht die Ressourcen. Ich bin mir aber sicher, dass die Impfstoffe der ganz grossen Hersteller wie Sanofi, GSK, Merck oder Johnson & Jonson am Menschen getestet werden.

Wann rechnen Sie mit einer Zulassung der ersten Impfstoffe?

Selbst wenn wir sehr optimistisch sind, glaube ich nicht an eine Zulassung vor der zweiten Hälfte des nächsten Jahres. Realistisch ist wohl eher Ende 2021. Man kann keine grosse Impfkampagne starten, ohne sicher zu sein, dass der Impfstoff wirksam ist und einen Schutz vor dem Coronavirus bietet. Zudem müssen der Hersteller die Sicherheit des Impfstoffs mit klinischen Studien beweisen. Vieles im Entwicklungsprozess lässt sich beschleunigen, wie es zurzeit passiert. Um eine Zulassung eines Impfstoffes zu gewähren, benötigen die Behörden jedoch all die erwähnten Daten aus klinischen Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit.

Die Aussagen diverser Forscher und Firmen, bis Ende Jahr mit einem Impfstoff fertig zu sein, sind aus Ihrer Sicht unseriös?

Ich halte dies für unrealistisch.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen bis zur Zulassung?

Ein grosses Problem werden die klinischen Studien der dritten und letzten Phase werden, wofür sie mehrere Tausende Testpersonen benötigen. Gleichzeitig hat die Pandemie zurzeit in Europa stark nachgelassen. Schauen Sie sich die Schweiz an, wo wir pro Tag nur noch ganz wenige Neuinfektionen haben. Damit kann man hier keine Studie mehr durchführen. Das gilt mittlerweile selbst für Italien, Frankreich oder Deutschland.

Dann muss man etwa auf die USA oder Brasilien ausweichen?

In den USA sind die Chancen höher, da es dort noch immer Hotspots gibt, wie etwa jüngst in Kalifornien. Für eine Studie braucht man bis zu 10’000 Personen, um wirklich gute Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit eines Impfstoffs zu erhalten. Das braucht viel Zeit, bis man diese Personen rekrutiert hat und später sämtliche Daten ausgewertet hat. Gleichzeitig muss vor allem auch die Wirksamkeit der Impfstoffe für ältere Menschen belegt werden.

Wie meinen Sie das konkret?

Das Virus wirkt sich bekanntlich für ältere Menschen am verheerendsten aus. Der Impfstoffhersteller muss also belegen können, dass der Impfstoff vor allem auch ältere Menschen schützt. Es macht keinen Sinn, klinische Studien mit jüngeren Menschen zu machen, da deren Immunsystem mit dem Virus viel besser umgehen kann. Wir wissen von den Grippeimpfstoffen, dass sie bei älteren Menschen weit weniger gut wirken. Deshalb muss man bereits bei der Entwicklung eines Impfstoffs die Wirkung für ältere Menschen im Auge behalten. Das gilt auch für das Sicherheitsprofil des Impfstoffs.

Das wird also derzeit zu wenig gemacht?

In den klinischen Tests der Phase I werden vor allem Menschen zwischen 18 und 55 Jahren getestet. Das ist eben gerade nicht die Gruppe, die am stärksten vom Coronavirus betroffen ist. Doch in einer gross angelegten Impfkampagne müssten ja gerade die älteren Menschen geimpft werden.

Einzelne Impfstoffhersteller haben bereits ermutigende Daten aus ersten Versuchen publiziert. Vereinzelt gab es daran auch Kritik. Wie schätzen Sie die bisherigen Ergebnisse ein?

Ich habe kein Problem damit, dass gewisse Firmen erste, vorläufige Resultate von Studien sehr rasch publizieren. Schliesslich kann sich jeder seine eigene Meinung dazu bilden. Aber es ist noch ein weiter Weg bis zur eigentlichen Zulassung eines Impfstoffs.

Zu den Unternehmen, die schon weit fortgeschritten sind, gehört die US-Biotechfirma Moderna. Lonza wird ja den Wirkstoff dazu liefern. Gleichzeitig wurde das Verfahren von Moderna nie validiert.

Bei dieser sogenannten mRNA-Technologie handelt es sich um einen neuen Ansatz, der in den vergangenen Jahren grosse Fortschritte gemacht hat. Anders als bei herkömmlichen Impfstoffen werden keine Bestandteile des Erregers gespritzt, sondern kopierte Teile seines Gencodes, die mRNA. Die grosse Herausforderung dabei ist, dass der Impfstoff in die Zellen des Körpers vordringt. Es gibt aber bis jetzt keine Zulassung für einen Impfstoff, der auf dieser Technologie basiert.

Die USA setzen auf Firmen wie Moderna und unterstützen diese Unternehmen mit massiven Summen. Das Land nimmt also sehr viel Geld in die Hand, um zuerst an einen Impfstoff zu gelangen.

China und die USA liefern sich einen Wettlauf, wer zuerst einen Impfstoff entwickelt. Die Politik sollte sich zurückhalten, wenn es darum geht, einen Impfstoff vor allem nur für das eigene Land zu sichern. Vermutlich geht es US-Präsident Donald Trump darum, im Wahlkampf gut dazustehen, wenn er mit einem Impfstoff aufwarten kann. Letztlich brauchen wir aber einen Impfstoff, um Leben weltweit zu retten.

Gleichzeitig investieren die USA sehr viel Geld.

Das ist so. Europa investiert viel weniger Geld als die USA. Das war aber etwa schon bei der Schweinegrippe so. Die USA handeln viel schneller und mit viel mehr Mitteln. Im Unterschied zu den USA ist die Koordination innerhalb Europas viel schwieriger. So hat die EU nicht die Autorität, Milliarden zu investieren. Wenn jedes Land selbst Mittel mobilisieren muss, dann wird das sehr kompliziert.

Die grossen Impfstoffhersteller sagen, es brauche vermutlich zwischen 5 und 10 Milliarden Impfstoffdosen oder noch mehr. Sind dafür überhaupt die Kapazitäten vorhanden?

Das wird eine ganz grosse Herausforderung. Einige Impfstoffe, etwa proteinbasierte, lassen sich einfacher in grossen Mengen herstellen als andere. Zudem müssen sie den Produktionsprozess für grosse Impfstoffmengen erst validieren, was einige Monate dauern kann. Schliesslich wissen wir noch nicht, ob eine einzelne Impfstoffdosis ausreicht, oder mehrere Dosen verabreichen werden müssen.

In diesem Fall könnten viel weniger Menschen behandelt werden.

Der Pharmakonzern Sanofi hat angekündigt, im Erfolgsfall 1 Milliarde Dosen zu produzieren. Braucht es nun aber drei Dosen für einen effektiven Schutz vor dem Coronavirus, dann können damit nur 330 Millionen Menschen geimpft werden.

Wieso braucht es allenfalls mehrere Dosen?

Derzeit ist noch nicht klar, wie lange der Schutz durch die Impfung anhält. Dazu brauchen wir Daten. Wenn die Immunantwort etwa nach sechs Monaten abklingt, braucht es eine weitere Dosis. Man muss die Patienten in den klinischen Studien also nach sechs Monaten untersuchen, um zu sehen, ob die Immunantwort anhält.

So oder so braucht es einen massiven Ausbau der Produktionskapazitäten.

Um eine Produktionsanlage zu bauen, benötigt man ein Jahr. Und dann muss die Anlage von den Behörden genehmigt werden. Die Kapazität kann also nicht innerhalb von zwölf Monaten hochgefahren werden. Realistischerweise braucht es mindestens zwei Jahre, bis eine neue Produktionsanlage Impfstoffe herstellen kann. Wenn also Forscher oder Firmen behaupten, bis Ende Jahr liege ein Impfstoff vor, der grossflächig verabreicht werden kann, dann sagen sie nicht die Wahrheit. Ich finde das verantwortungslos.

Also müssen Ärzte und Pfleger sowie ältere Personen bei der Impfung zuerst berücksichtigt werden?

Man muss immer jene zuerst schützen, die am verletzlichsten sind. Da die Bevölkerung längst nicht in allen Ländern überaltert ist wie etwa in Europa und den USA, werden zu Beginn einer weiten Impfkampagne auch nicht fünf oder zehn Milliarden Dosen benötigt. Anfänglich kommen wir mit weit weniger aus.

Daran arbeitet das Schweizerische Impfstoff-Forschungsinstitut

Das Schweizerische Impfstoff-Forschungsinstitut arbeitet an der Entwicklung einer Impfstoffplattform als auch an Präventionsstrategien und Behandlungen, die auf monoklonalen Antikörpern beruhen. Diese gentechnologisch hergestellten Antikörper stammen aus Zellen infizierter Patienten und neutralisieren das Virus. Das Institut verfolgt also zwei Strategien. Am Lausanner Universitätsspital Chuv arbeiten zwischen 15 und 20 Mitarbeiter daran. Eine Kollaboration besteht mit der ETH Lausanne (EPFL) und der Universität Zürich. Erste Resultate sollen in zwei bis drei Monaten vorliegen. «Dann sollten wir mehr wissen», sagt Giuseppe Pantaleo, der Leiter des Instituts. Der 63-Jährige leitet zudem die Abteilung für Immunologie und Allergie am Chuv. (mka)