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Der Eurochlaus erinnert sich an das Mädchen mit der Geige, die Pullover von Zwillingen und die Versli, die er bald auswendig konnte

Für Kinder müsste man die Geschichte wohl so beginnen: «Weisst du, der Samichlaus hat einmal auf der Bank gearbeitet. Einmal war er auch Reiseleiter in fernen Ländern. Und dann hat er auch noch für die SBB gearbeitet. Weisst du, was SBB ist? Das sind die mit den Zügen.» Oder, als Übersetzung für die Erwachsenen: Der Wohler Alfonso D’Ambrosio war in seinem Leben nicht nur Banker, Reiseleiter und Leiter des Kunden-/Marketingmanagement im – internationalen Personenverkehr der SBB, sondern auch viele Jahre lang Samichlaus.

Er muss lachen, wenn er an die Zeit zurückdenkt, damals, an den kalten Wohler Dezemberabend. Dabei war es für ihn als Sohn italienischer Einwanderer alles andere als selbstverständlich, dass er mit der Tradition des Samichlaus, der die Kinder besucht und ihnen Lob und Tadel aus dem Goldigen Buch vorliest, aufgewachsen ist. «Meine Mutter ist sehr weltoffen und hat sich schnell im Schweizer Leben integriert. Als ich im Kindergartenalter war, wollte sie mir beides mitgeben, die italienischen und die Schweizer Traditionen. Ich hatte schon ein bisschen Angst vor dem Samichlaus, Aber ich war auch unglaublich stolz, dass der Samichlaus zu mir kam und sogar meinen Namen kannte», erinnert sich der heute 50-Jährige, der mittlerweile im Fricktal wohnt.

Für ihn war schon bald klar, dass er bei seiner lieb gewonnenen Wohler Tradition mithelfen wollte. Schliesslich war er in der Jungwacht, die seit vielen Jahren für die Hausbesuche das Personal stellt. In der vierten oder fünften Klasse konnte er sich zum Diener oder Schmutzli rekrutieren lassen.

«Ich war auch nicht gross gewachsen, aber es gab noch Kleinere»

Für jene, die mit der Wohler Samichlaustradition nicht bekannt sind: Hier sind es total zehn Chläuse, die jeweils einzeln mit zwei Oberschmutzli, einer Handvoll Schmutzli und einem Diener zu den Familien gehen. «Der Diener ist meist ein kleiner Fünftklässler. Ich war damals auch nicht gross gewachsen, aber es gab noch Kleinere als mich, also wurde ich Schmutzli», erzählt D’Ambrosio lachend.

Er war aber nicht traurig, nicht Diener geworden zu sein. «Er ist der Einzige, den man ungeschminkt sieht und den die Kinder und ihre Familien manchmal erkennen. Ausserdem wird er am letzten Abend nach getaner Arbeit regelmässig von den anderen Schmutzli angemalt», erinnert er sich schmunzelnd.

Der Wohler St.Nikolaus ist seit 1941 ein verwurzeltes Brauchtum im Dorf, gegründet von Jungwachtleitern und dem damaligen Präses, Pfarrhelfer Andreas Hofer. Bereits 1943 waren fünf Chlausgruppen mit einem Gefolge von 50 Schmutzli unterwegs, die 225 Familien in Wohlen und Anglikon besuchten.

1948 übernahm Pfarrhelfer Franz Schwegler das Amt als Präses der Jungwacht und prägte über viele Jahre das Wohler St.-Nikolaus-Brauchtum. Die ehrwürdige Erscheinung vom Bischof Nikolaus mit seinem kostbaren Gewand, dem Diener mit dem Goldigen Buch, die Schmutzli mit den Glocken und der Hutte voller Ruten, vor allem aber die Familienfeier, das alles war ihm sehr wichtig.

1978 übernahm der damalige Scharleiter der Jungwacht, Röfe Wüst, das Amt als Chlausvater und organisiert bis heute zusammen mit der Jungwacht alljährlich das St.-Nikolaus-Brauchtum. Seine Verdienste wurden insbesondere durch die Vergabe des Kulturpreises der Gemeinde Wohlen 2018 gewürdigt.

2017 wurde der Trägerverein Freunde St.Nikolaus Wohlen gegründet, unter dessen Schirmherrschaft der St.Nikolaus heute von Tür zu Tür zieht. Der Verein hat über 250 Mitglieder, die früher selbst an der Aktion mitgewirkt haben oder den St.Nikolaus «e gueti Sach» finden. Der Verein wird von einem Vorstand unter dem Gründungspräsidenten Peter «Pörsil» Locher geführt. Röfe Wüst ist auch im neuen rechtlichen Gewand des St.Nikolaus‘ für das Brauchtum verantwortlich und Mitglied des Vorstandes.

In speziellen Schulungen werden heute wie damals alle vom Samichlaus über den Diener bis zu den Schmutzli auf ihren Einsatz vorbereitet. Bereits seit vielen Jahren stehen zehn Chlausgruppen mit rund 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen für den St.Nikolaus Wohlen im Einsatz. Die Koordination der normalerweise weit über 200 Anmeldungen und deren Einsätze erfolgt im Chlausbüro, das sich im Pfarreizentrum Chappelehof befindet. Im Vergleich zur Arbeit 1941 gehören heute aber Computer, Telefon und Internet zur festen Büroeinrichtung. (Quelle: www.stnikolaus-wohlen.ch)

Als Schmutzli – bei denen unterdessen auch Blauringmädchen dabei sind – gehe man quasi in die Lehre:

«Man merkt, wie der Samichlaus mit den Kindern umgeht, wie er beispielsweise reagiert, wenn sie Angst haben oder etwas Unvorhergesehenes passiert.»

Nicht jeder Schmutzli wird einmal Samichlaus. D’Ambrosio ist die Karriereleiter aber bis ganz nach oben geklettert. Nach seiner Zeit als Schmutzli wurde er Oberschmutzli. Diese müssen für den Samichlaus vorab zu den Familien gehen, die sich angemeldet haben, und die guten Taten und Sünden der Kinder durchgehen. «Sie müssen auch aufschreiben, wie man die Kinder auseinanderhalten kann. Bei Zwillingen beispielsweise hat man sonst keine Chance. Dann ziehen die Eltern dem einen vielleicht einen roten Pulli als Erkennungsmerkmal an.»

Alfonso D’Ambrosio als Samichlaus in Wohlen.

Vor der Tür werfe der Chlaus dann einen Blick ins Goldige Buch und merke sich die Namen und Merkmale. «Bei zwei Kindern ist das kein Problem. Bei drei mag’s noch gehen. Aber ab vier: keine Chance. Da merkte ich mir jeweils einfach das älteste und das jüngste», verrät D’Ambrosio.

Darüber hinaus versuche der Chlaus aber auch immer, die Familien zu überraschen. «Wenn die Oberschmutzli gut sind, halten sie kleine Details fest, die den Eltern vielleicht beim Erzählen gar nicht aufgefallen sind. Die kann der Chlaus dann beim Elternwort am Ende vorbringen, was sie total überrascht.» Manchmal wisse auch der Wohler Chlausvater Röfe Wüst, dass das eine oder andere Familienmitglied, das besucht wird, gerade Geburtstag hatte oder sonst etwas feiert. «Solche Infos sind unbezahlbar.»

Der Eurochlaus war oft froh um seinen Diener

Röfe Wüst verstecke sich immer in einer der Familien, wenn ein Chlaus zum ersten Mal bei der Arbeit sei. Ihm sei es ein grosses Anliegen, dass alles traditionsgemäss durchgeführt werde. So bringe er den Chläusen und Schmutzli auch gewisse Benimmregeln bei. «Ihm ist ganz wichtig, dass sich der Chlaus entsprechend verhält. Er ist eine Respektsperson, zu allen freundlich, winkt den Leuten in den Fenstern und ist Chef der Gruppe. Es ist spannend, wie sehr man sofort in diese Rolle schlüpft, wenn man umgezogen ist», weiss der Werbefachmann noch.

Der Wohler Chlausvater Röfe Wüst hat das Brauchtum über all die Jahre begleitet und bewahrt.

Für ihn war klar, dass er dereinst Chlaus werden wollte. «Für mich ist das Wohler Chlausbrauchtum etwas ganz Besonderes. Man zieht nicht einfach ein Gwändli an, füllt ein paar Säckli und fertig.» Bei den Familienbesuchen gibt es eine klare Abfolge. Auf die Begrüssung folgt die Geschichte für die Kinder. Sie wird seit Jahren vom ehemaligen Wohler Lehrer Daniel Günthert und seiner Frau Regina geschrieben und muss von jedem Chlaus auswendig gelernt werden.

Zu dem Thema muss D’Ambrosio wieder lachen: «Es passiert jedem einmal, dass er ein Blackout hat. Auch ich wusste einmal plötzlich die Geschichte nicht mehr. Dann ist der Diener gefragt. Er springt ein und hilft: ‹Samichlaus, war es nicht so, dass …› Dann geht’s meistens wieder.»

Weil es ein Schweizer Brauchtum sei und die Kinder auch so gut wie immer Schweizerdeutsch verstehen, gehen die Chläuse eher selten auf den Wunsch der Eltern ein, den Besuch in einer Fremdsprache zu halten. Momentan könnten sie aber Hausbesuche in Französisch und Englisch anbieten. «Damals habe ich den Kindern jeweils gesagt, sie könnten die Geschichte ihrer Familie ja nachher nochmals in ihrer Sprache erzählen.» Ab und zu hat er aber auch einmal einen Besuch auf Italienisch durchgeführt. «Das hat mir den Spitznamen Eurochlaus eingebrockt», sagt er grinsend.

Das Mädchen mit der Geige und immer wieder dieselben Versli

Am allerwichtigsten sei aber: «Die Kinder stehen im Zentrum.» Sie sollen ein schönes Erlebnis haben. «Manchmal bitten uns die Eltern beispielsweise, etwas böser zu sein. Ich entschied mich aber immer vor Ort, wie viel ich den Kindern zumuten konnte. Das Stichwort für die Schmutzli gab ich, indem ich fragte: ‹Was meinen die Schmutzli dazu?› Dann knurrten diese, das machte den Kindern schon Eindruck.»

Auch ist ihm und dem ganzen Verein wichtig, dass der Samichlaus zu allen Kindern kommt. «Die Bezahlung ist den Eltern selbst überlassen. Wer mehr Geld hat, soll etwas mehr geben, aber wir gehen auch zu denen, die weniger haben.»

Natürlich ist auch das Versli ein wichtiger Bestandteil des Rituals. «Manchmal, wenn viele der Kinder, die wir über den Abend besuchten, in der gleichen Klasse waren, hörten wir dasselbe Versli halt zigmal. Am Ende konnten wir Chläuse es auch auswendig. Aber jedes Mal lobte ich das Kind und sagte, dass ich dieses schöne Versli noch nie gehört hätte. Die Schmutzli mussten aufpassen, dass sie nicht herausprusteten, wenn schon wieder dasselbe kam.»

Manchmal spielten die Kinder stattdessen aber auch ein Lied auf ihrem Instrument vor, was den Samichlaus natürlich ebenfalls freut. «Woran wir uns jedes Mal erinnern, wenn wir Chläuse von früher wieder zusammenkommen, ist dieses eine Mädchen, das wenige Wochen zuvor mit dem Geigenunterricht begonnen hatte. Ich war froh, dass meine Ohren unter dem Bart und der Mitra etwas gedämpft waren, es war nicht ganz so schön, aber doch mutig von ihr», erzählt er lachend. «Aber auch diesem Mädchen habe ich natürlich freundlich für sein schönes Lied gedankt und es ermuntert, fleissig weiter zu üben.»