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Sidney Weill hat Musikgeschichte geschrieben – seine Open Airs in Lengnau sind noch heute unvergessen

Sidney Weill hat Musikgeschichte geschrieben – seine Open Airs in Lengnau sind noch heute unvergessen

Sein Festival «Rock gegen Hass» lockte sogar Sir Bob Geldof nach Lengnau: Sidney Weill hat sich zeitlebens für Frieden eingesetzt. Vor kurzem wurde sein Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Endingen gesetzt. 

Susanne Holthuizen

1991 findet das erste Open Air Lengnau statt. 1992, umgetauft in Rock gegen Hass, verhilft der Auftritt von Sir Bob Geldof dem Festival zum grossen Durchbruch.

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Shalom, Frieden, steht auf dem Grabstein von Sidney Weill, der vor fast einem Jahr verstorben ist und zu dessen Gedenken am vergangenen Sonntag die Steinsetzung auf dem israelitischen Friedhof in Endingen stattfand. Rock gegen Hass, eine Sonne, ein Herz – bunte, liebevoll beschriftete Steine seiner Liebsten sind vor oder auf der «Mazewa» abgelegt:

Susanne Holthuizen

Der Stein symbolisiert in der jüdischen Tradition die Verpflichtung, den Verstorbenen nicht zu vergessen. Im «Haus der Ewigkeit» nun schliesst sich Sidney Weills Lebenskreis vorläufig, um in der Erinnerung und Liebe innehaltend fortzuleben.

Unvergesslich bleibt, mit welcher Kraft Sidney Weill sich zeit seines Daseins für eine bessere Welt eingesetzt hat und wie er die Menschen um sich herum dafür entflammen konnte. Dabei war der aus Basel stammende Kaufmann alles andere als ein Friedensbotschafter oder Eventorganisator.

Angefangen hat alles mit seiner Tätigkeit als Jugendbeauftragter bei der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, wo er sich seit den 80er-Jahren mit seiner geliebten Frau Ursy um die kulturellen Belange kümmert. Sidney Weill ist ein grosser Musik-Fan und organisiert bald erste Konzerte, für die ihn die junge Generation heiss verehrt. Ehemalige berichten, dass sie ihrem unkonventionellen Jugendarbeiter jeweils die Colas aus dem Büro klauten, weil sie diese zuhause nicht bekamen. Offene Türen und ein Gespür für Jugendherzen zeichnen den empathischen Betreuer aus.

Als junger Erwachsener verschlägt es Sidney Weill in einen Kibbuz nach Israel, wo er das selbstlose Leben entdeckt. Dieses solidarische Verständnis von Gemeinschaft sollte ihn fortan begleiten. Sorgen bereitet ihm der aufkeimende Rassismus. Und so schwebt ihm bald einmal ein Festival der Begegnung vor − ein lockeres Fest mit dem Ziel, Solidarität unter den verschiedenen Minderheiten zu schaffen.

Polo Hofer, mit Mikrofon, spielt mit seiner Band am Open Air "Rock gegen Hass" am 20. Juni 1993 in Lengnau.

Str / KEYSTONE

Im Bild: Sidney Weill, seine Frau Ursy Weill und Tochter Kim Weill.

Zvg / Aargauer Zeitung

Im Bild: Plakat Rock gegen Hass Open Air.

Zvg / Aargauer Zeitung

Polo Hofer sorgte für Stimmung.

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Der Höhepunkt des Festivals 1993 war der Auftritt der Italo-Rockröhre Gianna Nannini. 

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Zwei Jahre später gab sich DJ Bobo die Ehre.

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Für den Aargauer war die Reise ins Surbtal nicht ganz so weit.

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Ursy Weill, Doris Leuthard und Sidney Weill. 

Zvg / Aargauer Zeitung

Ursy und Sidney Weill organisierten 2004 ein Trommelkonzert am Open Air Frauenfeld.

Susanna Petrin

Mit der Eventagentur Open Hearts organisierten die beiden weltweit Konzerte, Veranstaltungen und Kampagnen

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Sidney und Ursy Weill mit Ruth Dreifuss, Roger Schawinski.

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Ruth Metzler Josef Deiss werden von Ursy und Sidney Weill flankiert. 

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Sidney Weill mit  Michail Gorbatschow und Ehefrau Raissa. 

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Sidney und Ursy Weill im 2004.

Pascal Meier / AGR

Sidney Weill starb an einer langjährigen Krankheit und ist auf dem Jüdischen Friedhof in Endingen begraben.

Zvg / Aargauer Zeitung

Für ihn ist klar, dass man die Menschen am besten über die Kultur erreicht. Dafür telefoniert er fast zwei Jahre in der Welt herum, und es entsteht 1990 das erste «Jewish Youth Festival» in einem Lengnauer Schulhaus. Das Surbtal mit seinem jüdischen Kulturerbe ist dafür geradezu prädestiniert. Es ist der Beginn einer Reihe von Open Airs, die unter dem Namen «Rock gegen Hass» Schweizer Musik-Geschichte schreiben.

Das ratternde Helikoptergeräusch am 20. Juni 1993 hat sich tief ins Gedächtnis der Surbtaler Bevölkerung gerillt. Es ist bereits das vierte Openair «Rock gegen Hass». Bedeutende Künstler wie Bob Geldof, Vera Kaa und Patent Ochsner hatten sich schon in den Vorjahren von dem wirbligen Festivalorganisator für mehr Toleranz einspannen lassen.

Gianna Nannini toppt jedoch alles Dagewesene. Das Festivalgelände ist inzwischen auf eine Anhöhe oberhalb Lengnau verlegt worden, von dieser natürlichen Bühne aus beschallen die eingeflogenen Stars nun das Tal mit der Stimme des Friedens. «Solo l’amore», nur die Liebe, stimmt Gianna Nannini an, «überwindet die Grenzen». Sieben tausend Menschen erliegen dem Zauber der poetischen Rockröhre.

Mit Ellen Ringier an der Spitze und Roger Schawinski als Vizepräsident, Ursy Weill im Backoffice und Initiant Sidney als Frontmann, läuft das OK derweil auf Hochtouren − das friedliche Open Air in der Provinz mausert sich vom Insider-Tipp zum Publikumserfolg.

Selbst das ZDF berichtet über das neue Woodstock made in Switzerland. Auch die aus Baden stammende «Better World», die «Peacetrees» oder etwa die angesagten «Ethnix» aus Tel Aviv setzen nebst den Bandnamen mit ihrem musikalischen Toleranzbekenntnis klare Zeichen. «Gäbe es das Open air Lengnau nicht − es müsste erfunden werden», lässt sich die frischgebackene Bundesrätin Ruth Dreifuss begeistert 1993 zitieren.

150’000 Menschen kamen an Konzert in Tirana

Ab 1996 findet «Rock gegen Hass» erstmals auf dem Zürcher Platzspitz statt, im Jahr 2006 sogar auf dem Bundesplatz in Bern. Unaufhörlich versucht Sidney Weill, Menschen aus verschiedenen kulturellen und sozialen Hintergründen miteinander zu verbinden.

Der grösste Anlass dieser Art findet 1999 unter dem Patronat von Bundesrätin Ruth Metzler im albanischen Tirana statt, wo das Ehepaar Weill mit ihrer Eventagentur «Open Hearts» ein Konzert mit 150’000 Zuschauern veranstaltet. Für den unermüdlichen Friedensbemüher Sidney Weill war es eine Herzenssache, sich mit aller Kraft für eine bessere Welt einzusetzen − solche Menschen braucht es heute mehr denn je.